Mittwoch, 6. Januar 2010

Epochen: Gegenströmungen zum Naturalismus

Gegenströmungen zum Naturalismus (1890-1920)

Gegenströmungen zur Objektivierung der Wirklichkeit und Realitätsdarstellung zugunsten einer Aufnahme idealistischer Geisteshaltung, u. a. mit dem Impressionismus, der v. a. in der Malerei aufgenommen wurde.
Die Erkenntnis über Verlust, Entfremdung und Isolierung verlangt nach der Sehnsucht nach einer Überwindung des Rationalismus. Es kommt u. a. zu einer Gefühlsintensität, die das Bewusstsein von dem Gräuel der Realitäten abwenden lässt und eine Ideal herauf beschwört, das jedoch am Ende oftmals von der Realität oder dem Wahnsinn eingeholt wird.
Mit der Jahrhundertwende und dem so genannten Fin des Siècle kommt es zudem zu einer Stimmung der zusätzlichen Angst vor dem Unbekannten, dem Wahnsinn, der Melancholie und der Einsamkeit, das nur noch im träumerischen Ideal aufgefangen werden kann.
Allen Gegenströmungen gemeinsam ist die Hinwendung zum Irrationalen, zur Metaphysik, zur Seele, zur Mystik und zum Mythos.
Dem strotzenden Optimismus und Fortschrittsgedanken folgen Lebensmüdigkeit, Resignation und Todesverherrlichung, verbunden zum Teil mit einem Lebensstil der Décadence (vgl. O. Wilde), einem poetischen Stil des Symbolismus und des Nihilismus sowie der Kunstrichtung des L’art pour l’art.
Vgl. auch Friedrich Nietzsche (1844-1900), Stefan George (1868-1933), Hermann Hesse (1874-1962), Thomas Mann (1875-1955), Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) , Arthur Schnitzler (1874-1969).

Entstehung der Moderne
In den neunziger Jahren wurde der Naturalismus allmählich abgelöst. An seine Stelle traten viele gegen- und nachnaturalistische Strömungen bzw. Ismen: Ästhetizismus, Impressionismus, Jugendstil, Symbolismus und Neuromantik. Dieser Stilpluralismus setzte zunächst in Österreich ein, weitete sich aber schnell auf Deutschland aus. Die naturalistische Objektivität wurde verdrängt, stattdessen besann man sich wieder auf das "Ich", Individualität und Subjektivität. Damit war die naturalistische Moderne überwunden.
Die Entwicklung der Ismen wurde durch die zunehmende Nietzsche- und Stirner-Rezeption weiter voran getrieben. Davon entfernten sich wieder ab 1910 die Expressionisten. Neue Errungenschaften in den Naturwissenschaften, z.B. Einsteins Relativitätstheorie, führen die Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine Krise. Darin wird ein Verlust traditioneller Werte gesehen. Ein weiterer wichtiger Punkt in der Entwicklung der Moderne war die Sprachkrise der Jahrhundertwende, in welcher die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache diskutiert wurden (z.B. im Brief des Lord Chandos von H. v. Hofmannsthal). Die Relativierung von Wahrnehmung und Erkenntnis jedoch führte zu einer "Ichlosigkeit" in der Moderne. So sagte Bahr: "'Das Ich ist unrettbar.' Es ist nur ein Name. Es ist nur eine Illusion. Es ist ein Behelf, den wir praktisch brauchen, um unsere Vorstellungen zu ordnen. Es gibt nichts als Verbindungen von Farben, Tönen, Wärmen, Drücken, Räumen, Zeiten."

Literatur der Moderne
Bei den zahlreichen Stilrichtungen der Jahrhundertwende ist es schwer, alle untereinander begrifflich exakt zu erläutern und voneinander zu trennen. Hinzu kommt noch, dass die Autoren dieser Zeit, sich zu vielen Strömungen zuordnen lassen. Deshalb ist es besser, die einzelnen Ismen zusammenzufassen, um diesen Dilemma zu entgehen. Man greift deshalb auf den Begriff "die Moderne" zurück, den schon die antinaturalistischen Schriftsteller zu ihrer Zeit auf sich bezogen.

Impressionismus
Der Begriff Impressionismus entstammt aus den Bildenden Künsten und meint 'Eindruckskunst'. Dazu lassen sich Liliencron, Peter Hille, Peter Altenberg, Max Dauthendey, Arthur Schnitzler, Marcel Proust, Maurice Maeterlinck und der junge Rilke zählen. Der Impressionismus ist aber mehr als eine Stilrichtung. Er charakterisiert auch eine Lebenshaltung, und zwar eine solche, in der ein Mensch zu irgendeiner Art von Bindung nicht mehr fähig ist. Diese Haltung zeigt sich z.B. besonders deutlich in den Theaterstücken von Schnitzler.

Jugendstil
Der Begriff Jugendstil entstammt aus der Bildenden Kunst. Auf die Literatur übertragen, bezieht sich Jugendstil vor allem auf die Lyrik. Merkmale des Jugendstils sind Verwendung mythologischer Elemente, Sagenhaft-Mittelalterliches, Feierlich-Symbolisches, Ungewöhnliches, Skandalöses, Bewegungsmotive, Naturschwärmerei, Blumenmotive und Dionysisches. Werke von folgendem Autoren lassen sich dem Jugendstil zuordnen: Wolzogen, Dehmel, Hart, Mombert, Stucken, Stadler, z.T. Rilke, George und Hofmannsthal, Wilde und Maeterlinck.

Symbolismus
Der Symbolismus ging von Frankreich aus und beeinflußte alle europäischen Literaturen. Der Begriff wurde von J. Moreas geprägt und bezeichnet die seit 1860 entstandene europäische Lyrik. Der Symbolismus lehnt die gesellschaftsbezogene Wirklichkeit, den Imperialismus, Kapitalismus und den Positivismus ab. Damit nimmt er eine antinaturalistische Haltung ein, denn eine getreue Wiedergabe der Wirklichkeit wird abgelehnt. Die Elemente der realen Welt werden in Symbolen wiedergegeben. Symbolistische Werke weisen Abstraktion, Entdinglichung und Sprachmagie (Alliterationen, Assonanzen, Lautmalereien, Synästhesien) auf, die den Werken eine gewisse Musikalität verleiht.
Der Franzose Charles Baudelaire beeinflußte mit seiner Lyrik George und Hofmannsthal. Weitere Vertreter sind Maeterlinck, Wilde, Rilke und Trakl.

Neuromantik
In der Neuromantik finden sich thematische Rückgriffe auf die Romantik: z.B. Märchen, Mythen, Träume, historische und religiöse Stoffe. Dieser Stilrichtung lassen sich z.B. Hauptmanns Hanneles Himmelfahrt (1893) und Versunkene Glocke (1897) zuordnen. Um die Jahrhundertwende entstand eine Vielzahl von Kunstmärchen, die auf die Orientierung an der Romantik zurückgeht.

Fin de siècle
Mehr als kein anderer Begriff drückt Fin de siècle das Lebensgefühl und die Epoche um die Jahrhundertwende aus. Es unterscheidet sich stark von Stimmungen anderer Strömungen, wie dem Naturalismus, und drückt eine Niedergangs- und Endstimmung aus, "ein Gefühl des Fertigseins, des Zu-Ende-Gehens" (aus dem Essay "Fin-de-siècle" von Marie Herzfeld). Wörtlich ins Deutsche übertragen, bedeutet Fin de siècle 'Ende des Jahrhunderts'.

Dekadenz
Der Begriff Dekadenz steht für eine Radikalisierung des Fin des siècle. Er drückt eine Niedergangs- und Verfallsstimmung aus. Jedoch lassen sich zwischen den Begriffen keine klaren Grenzen ziehen. In einigen Teilen der Dekadenz findet man auch Unterschiede: ein selbstreflexives und selbstkritisches Bewußtsein. Einen entscheidenden Einfluß auf den Begriff hatte auch Nietzsche mit Fall Wagner, in welchem wichtige Merkmale der Dekadenz zum Ausdruck kommen: Verlust des Ich und des Daseins, Schaffung einer künstlichen Welt und die Herrschaft der Kunst über die Natur. Auch Bahr prägte den Begriff der Dekadenz entscheidend mit: "Hang nach dem Künstlichen" und "Entfernung vom Natürlichen", "Hingabe an das Nervöse" und "Fiebrische Sucht nach dem Mystischen".
Zur Dekadenzdichtung lassen sich Oscar Wilde, Maurice Maeterlinck und Th. Mann zuordnen. Vor allem Thomas Mann griff das Problem des Kulturverfalls immer wieder in seinen Werken auf.

Ästhetizismus
Der Begriff Ästhetizismus entstammt nicht der Jahrhundertwende. Er wird vielmehr als Oberbegriff für die antinaturalistischen Strömungen dieser Zeit gesehen. Dem Ästhetizismus liegt eine "ästhetische Weltanschauung", d.h. eine zweckfreie Kunstauffassung und eine Autonomie der Kunst zugrunde.

Sprache - Sprachlosigkeit - Sprachkrise
Die Dichtungen der Jahrhundertwende waren, wie kaum zuvor, sprachgewaltig: Metaphern, Symbole, Bilder, Alliterationen, Assonanzen, Synästhesien durchzogen sie in großem Maße. Den Ästhetizisten ging es dabei nicht um einen Realitätsbezug, wie bei den Naturalisten, sondern einer Loslösung davon. Die Kunst war niemandem anders mehr verpflichtet als sich selbst. Einige Autoren plädierten sogar für eine Geheimsprache, die nur Eingeweihte kennen sollten.
Mit der Jahrhundertwende kam es zu einer zunehmenden Selbstkritik der modernen Autoren. Am deutlichsten zeigst sich diese im Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal, der ihn im Alter von 19 Jahren verfasste. In diesem fiktiven Brief an Francis Bacon bedauert Lord Chandos den "gänzlichen Verzicht auf literarische Betätigung". Chandos ist "die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken und zu sprechen. Für Lord Chandos ist Denken und Sprechen nur noch in einer Sprache möglich, die es so noch nicht gibt.
Dieser Brief ist nur Fiktion, auch wenn er die Sprachkrise der damaligen Zeit behandelt. Hofmannsthal selbst, wendete sich von der Dichtung nicht ab, der Brief ist also nicht als persönliche Sprachkrise zu sehen. Der Chandos-Brief ist zum einen Sprachkritik, da er sich gegen die konventionellen Sprachgewohnheiten stellt. Zum anderen ist er ein grundsätzlicher Zweifel daran, in wiefern sich die Realität mit Sprache wiedergeben lässt.
Vertreter
Hermann Bahr (1863-1934)
Max Dauthendey (1867-1918)
Richard Dehmel (1863-1920)
Paul Ernst (1866-1933)
Stefan George (1868-1933)
Gerhart Hauptmann (1862-1946)
Hermann Hesse (1877-1962)
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)
Maurice Maeterlinck (1862-1949)
Thomas Mann (1875-1955)
Agnes Miegel (1879-1964)
Christian Morgenstern (1871-1914)
Börries Freiherr von Münchhausen (1874-1945)
Marcel Proust (1871-1922)
Arthur Schnitzler (1862-1931)
Lulu von Strauß und Torney (1873-1956)
Eduard Stucken (1865-1936)
Frank Wedekind (1864-1918)
Oscar Wilde (1854-1900)
Stefan Zweig (1881-1942)
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

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